Wally Feist

Erste Treffen: Liebe und Flucht

Am 27. September 2018 war es soweit: Das Frühstück mit den Senioren stand an und schon auf dem Weg merkte ich die Aufregung und die leichte Anspannung. Doch als wir im Seniorenheim St. Clara ankamen und von der Mitarbeiterin Frau Rotert begrüßt wurden, merkte ich, wie ich mich langsam entspannte. Als wir dann alle oben im Frühstücksaal angekommen waren, haben meine Partnerin Frida und ich uns an einen Tisch gesetzt, zu dem wenig später Frau Feist, eine zierliche und 85 Jahre alte Dame, kam.

Nachdem wir ihr ein Brot geschmiert hatten, haben wir uns dann mit ihr unterhalten. Manchmal mussten Frida und ich öfter nachfragen, weil Frau Feist uns nicht so gut verstehen konnte, aber trotzdem haben wir ein sehr langes Gespräch mit ihr geführt und haben nicht nur von ihrer Liebesgeschichte und ihrem behindertem Kind, sondern auch von ihrer Flucht aus Schlesien nach Deutschland erfahren:

Nachdem wir uns von Frau Feist verabschiedet hatten, lies ich mir auf dem Rückweg nochmal alles durch den Kopf gehen lassen und hatte schon Vorfreude auf das nächste Treffen.

Bei unserem zweiten Treffen lief es etwas problematischer, da Frau Feist uns sehr schlecht hören konnte. Als wir mit Frau Feist im Wintergarten waren und versuchten, ein Gespräch zu führen, ging dies erst überhaupt nicht und Frida und ich waren etwas überfordert. Doch als uns dann eine der Pflegerin geholfen hat, sind wir einfach bei jeder Frage nah an Frau Feist herangerückt und haben etwas lauter unsere Fragen gestellt.

Nachdem wir also wussten, wie Frau Feist uns verstehen kann, hat es auch wieder sehr viel Spaß gemacht und anders als beim ersten Treffen war ich auch gar nicht mehr aufgeregt oder angespannt.

Drittes Treffen: „Ich habe schließlich nichts zu verbergen!“

Am 14. Dezember 2018 haben wir unser drittes Treffen mit Frau Feist. Ich bemerkte, wie ich ganz entspannt und ohne Druck und Anspannung zum Altenheim lief.

Angekommen im St. Clara wurden wir wieder von Frau Rotert begrüßt, danach haben sich die Zweiergruppen auf den Weg zu ihren Senioren gemacht, so auch Frida und ich. Als wir bemerkten, dass Frau Feist nicht auf ihrem Zimmer ist, sind wir in den Frühstücksaal gegangen, wo wir dann Frau Feist auch sofort gefunden haben.

Dann sind wir wieder mit Frau Feist in den Wintergarten gegangen und kamen sofort ins Gespräch. Frau Feist konnte diesmal viel besser hören. Nachdem wir dann mit ihr über die Flucht von Schlesien nach Deutschland, wobei sie nicht nur ihr ganzes Hab und Gut verloren hat, sondern auch ihre Freunde, geredet haben, haben wir Frau Feist gefragt, ob sie vielleicht noch Bilder von früher hat.

Kurz darauf kam Frau Feist mit drei kleinen Kartons mit Bildern an und es war beeindruckend zu sehen, wie Frau Feist früher aussah, wo sie früher gewohnt hat. Auch Bilder von ihrer Hochzeit und ihrer Familie haben wir gesehen.

Ich fragte Frau Feist, ob ich die Fotos abfotografieren dürfe und sie antwortete: „Ja, ich habe schließlich nichts zu verbergen!“ Frida und ich mussten beide lachen und dann war auch leider schon wieder Zeit, zurück zur Schule zu gehen. Ich ertappte mich dabei, wie ich mich gar nicht verabschieden wollte – ich wäre am liebsten noch länger bei Frau Feist im Wintergarten geblieben.

Hier ein weiteres Interview, das wir mit Frau Feist geführt haben:

Viertes Treffen: Niemals langweilig

Unser viertes Treffen mit Frau Feist – und ich bemerkte weder auf dem Hinweg noch als wir das Seniorenheim St. Clara betraten die kleinste Aufregung oder Anspannung. Nachdem wir Frau Feist aus dem Frühstücksaal abgeholt hatten, sind wir das erste Mal auf ihr Zimmer gegangen.

Ich hatte erst ein bisschen Angst, doch als ich das Zimmer betrat, kam mir ein angenehmer Geruch in die Nase und ich bemerkte die ordentlich an die Wand gehängten Fotos. Als wir uns dann im kleinen Kreis zusammengesetzt hatten und dann mit dem Interview begannen, bemerkte ich sofort, dass Frau Feist uns dieses Mal besser verstehen konnte als die letzten Male und wir fingen ein flüssiges Gespräch an.

Nachdem wir über Feste und die Kirche gesprochen hatten, kamen wir auf das Thema Tod. Frau Feist sagte uns, dass sie keine Angst vor dem Tod hat, da man zu Gott und ins „himmlische Jerusalem“ kommt. Diese Aussage hat mich sehr berührt, denn Frau Feist hatte sie mit einer solcher Überzeugung gesagt und mit Tränen in den Augen.

Nach diesem sehr emotionalen Moment ging Frau Feist dann zu ihrem Kleiderschrank und zeigte uns noch ihre selbstgenähten Kleider und die Kleider, die sie gerade umnäht. Man merkte sofort ihre Freude und Leidenschaft am Nähen und das zauberte auch mir ein Lächeln auf die Lippen. Auch dieses Mal fand ich, dass die Zeit viel zu schnell verging, und war traurig, schon gehen zu müssen.

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